100 Milliarden Dollar Handelsvolumen klingen nach einer abgeschlossenen Erfolgsgeschichte. Tatsächlich erreichte der Warenverkehr zwischen Brasilien und der Europäischen Union 2025 genau 100,1 Milliarden US-Dollar – umgerechnet rund 538 Milliarden Reais.

Doch die spannendere Zahl ist nicht die Größe, sondern die Balance: Brasilien exportierte Waren im Wert von 49,8 Milliarden Dollar und importierte für 50,3 Milliarden Dollar. Ein minimales Defizit von 0,5 Milliarden. Anders gesagt: Kein Boom, der bereits stattgefunden hat – sondern eine stabile Plattform, auf der sich etwas entwickeln kann.

Die Struktur des Handels ist wenig überraschend. Brasilien liefert vor allem das, was es produziert und fördert: Rohöl, ungerösteten Kaffee, Sojaschrot. Die Exporte laufen überwiegend über wenige europäische Drehscheiben. Fünf Länder vereinten rund 73 Prozent des gesamten Volumens auf sich: die Niederlande (11,7 Milliarden Dollar), Spanien (8,8 Milliarden), Deutschland (6,5 Milliarden), Italien (5,4 Milliarden) und Belgien (4,0 Milliarden). Innerhalb Brasiliens stammen die meisten Ausfuhren aus Rio de Janeiro, São Paulo und Minas Gerais.

Der eigentliche Kontext liegt jedoch hinter diesen Zahlen. Brasilien versucht, sein außenwirtschaftliches Gleichgewicht neu zu justieren – ohne sich klar auf eine Seite zu schlagen. China bleibt der Schwergewichtspartner: Der bilaterale Handel erreichte 2025 mit 171 Milliarden Dollar einen neuen Rekord, ein Plus von 8,2 Prozent gegenüber 2024. Allein die Importe aus China beliefen sich auf 70,9 Milliarden Dollar.

Die USA liegen deutlich darunter. Je nach Schätzung kommt der Handel mit den Vereinigten Staaten auf rund 83 Milliarden Dollar. Brasiliens Exporte dorthin gingen 2025 um 6,6 Prozent zurück – auch als Folge neuer Zoll- und Handelsspannungen. Europa ist damit zwar nicht der größte Partner, aber derjenige, der etwas anderes bietet: Stabilität bei Regeln und Standards.

Genau hier setzt das Mercosur-EU-Abkommen an. Nach Jahren der Ankündigungen soll es nun von der politischen Erklärung zur Unterzeichnung übergehen – gefolgt von einem langen Ratifizierungsprozess. Parallel dazu startet die brasilianische Regierung ein neues „Opportunities Panel“, das Produkte, Märkte und Bundesstaaten systematisch mit konkreten Geschäftschancen verknüpfen soll.

Die eigentliche Wirkung des Abkommens ist weniger spektakulär, dafür umso wichtiger im Alltag: weniger technische Handelshemmnisse, klarere sanitäre Vorschriften, besser vorhersehbare Standards und mehr Rechtssicherheit für Dienstleistungen und Investitionen. Der Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen wird ausgeweitet, wobei Beschaffungen des öffentlichen Gesundheitssystems ausgenommen bleiben. Für sensible Branchen wie die Automobilindustrie sind Schutzmechanismen vorgesehen.

Langfristige Berechnungen des brasilianischen Außenministeriums bis 2044 zeichnen ein moderates, aber solides Bild: ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,34 Prozent (rund 37 Milliarden Reais bzw. 7 Milliarden Dollar), Investitionen plus 0,76 Prozent (13,6 Milliarden Reais), zusätzliche Exporte von 52,1 Milliarden Reais und Importe von 42,1 Milliarden Reais.

Rechnet man parallele Handelsabkommen hinzu, könnten sich die Effekte auf insgesamt 67,6 Milliarden Reais zusätzliches BIP und 25,3 Milliarden Reais an Extra-Investitionen summieren. Der 100-Milliarden-Handel mit Europa ist damit weniger ein Endpunkt – als vielmehr der Ausgangspunkt für Brasiliens nächste wirtschaftliche Neujustierung.

 

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