
In einer brasilianischen Stadt am Meer behandeln Ärzte seit Jahren schwere Verbrennungen mit etwas, das man erst mal nicht erwartet: der Haut von Tilapia-Fischen. In Fortaleza, genauer gesagt im José-Frota-Institut, sieht man Patienten mit Verbänden, die aussehen, als wären sie gerade aus dem Wasser gestiegen – sterile Streifen aus Tilapia-Haut.
Das Ganze klingt erst mal ziemlich ungewöhnlich, fast ein bisschen verrückt. Aber es hat einen ganz praktischen Hintergrund. In Brasilien gibt es einfach viel zu wenig menschliche Haut für Transplantate, Schweinehaut oder die teuren künstlichen Alternativen, die man in den USA kennt. Die wenigen Hautbanken des Landes decken gerade mal ein Prozent des Bedarfs ab. Deshalb landen die meisten Patienten im öffentlichen Gesundheitssystem bei der klassischen Behandlung: täglich Verbandswechsel mit Gaze und Silbersulfadiazin-Creme. Die Creme schützt vor Infektionen, aber sie hilft nicht wirklich beim Heilen, und das ständige Abziehen und Waschen der Wunden ist für die Betroffenen eine Qual.
Da kam den Forschern der Universität von Ceará (UFC) die Idee: Warum nicht die Haut der Tilapia nutzen? Der Fisch wird in Brasilien massenhaft gezüchtet, und seine Haut landete bisher einfach im Müll. Nach intensiven Tests stellte sich heraus, dass sie erstaunliche Eigenschaften hat: viel mehr Kollagen Typ 1 und 3 als menschliche Haut (die Bausteine für Narbenbildung), höhere Reißfestigkeit und bessere Feuchtigkeitsspeicherung. Nach Sterilisation (mit Chemikalien und später Bestrahlung in São Paulo) hält die Haut bis zu zwei Jahre im Kühlschrank.
Bei oberflächlichen zweitgradigen Verbrennungen klebt man die Tilapia-Haut einfach drauf und lässt sie sitzen, bis die Wunde von selbst verheilt. Bei tieferen zweitgradigen Verbrennungen muss man sie ein paar Mal wechseln, aber immer noch deutlich seltener als bei der herkömmlichen Methode. Das Ergebnis: Die Heilung geht schneller (manchmal um mehrere Tage), die Patienten brauchen weniger Schmerzmittel, und der Schmerz insgesamt ist deutlich geringer.
Ein Beispiel ist Antônio dos Santos, ein Fischer, der sich bei einer Gasexplosion auf seinem Boot den ganzen rechten Arm verbrannt hat. Er war bei einer klinischen Studie dabei und sagte später: Nachdem die Fischhaut drauf war, hat der Schmerz wirklich nachgelassen. Es war faszinierend, dass so etwas funktionieren kann.
Die Forscher um Dr. Edmar Maciel, einen Plastischen Chirurgen und Verbrennungsspezialisten, haben das Ganze über Jahre getestet. Es gibt Vergleichsstudien zu menschlicher Haut, Schweinehaut und sogar Froschhaut, und auch Kostenvergleiche laufen. Bisher sieht alles sehr vielversprechend aus: weniger Krankenhaustage, weniger Infektionsrisiko, weniger Materialverbrauch.
In den USA würde so etwas wahrscheinlich nicht so schnell kommen – dort gibt es genug menschliche Spenderhaut, und die Zulassungsbehörden plus Tierschutzorganisationen machen es kompliziert und teuer. Aber in Ländern, wo Ressourcen knapper sind, könnte die Tilapia-Haut ein echter Gamechanger werden. In Brasilien selbst ist das Projekt mittlerweile weiter: Es läuft seit über zehn Jahren, es gibt gefriergetrocknete Versionen, und die UFC sucht gerade Unternehmen, die das Ganze industriell herstellen und vermarkten dürfen.
Ich finde die Geschichte spannend, weil sie zeigt, wie aus einem Nebenprodukt der Fischzucht plötzlich etwas Medizinisch Hochwertiges werden kann. Es ist günstig, verfügbar und hilft Menschen wirklich. Manchmal liegen die besten Lösungen genau vor der Haustür – oder in diesem Fall im Teich nebenan. Wer hätte gedacht, dass ein Alltagsfisch mal zum Lebensretter wird?
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