
In den USA geschieht derzeit Erstaunliches: Die Produktivität wächst so schnell wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Während viele das Heil in der Künstlichen Intelligenz suchen, liegen die wahren Ursachen woanders – in einer Mischung aus Energie-Boom, Flexibilität und dem späten Sieg der Digitalisierung des letzten Jahrzehnts.
Wie bei so vielen Wundern trauten die Beobachter ihren Augen zunächst nicht. Ein Jahrzehnt lang, nach der globalen Finanzkrise von 2007–09, schien das Produktivitätswachstum in der westlichen Welt klinisch tot. Da wirtschaftlicher Wohlstand letztlich davon abhängt, mit der gleichen Menge an Arbeit mehr zu produzieren, schien selbst das wohlhabende Amerika zur ewigen Stagnation verdammt (von Europa ganz zu schweigen). Das Congressional Budget Office (CBO), das in den 2010er-Jahren das Wachstum regelmäßig überschätzt hatte, blieb in diesem Jahrzehnt konsequent pessimistisch. Erste Daten, die auf eine Besserung hindeuteten, wurden als “falsche Propheten” abgetan.
Doch die Daten lieferten weiter ab. Inzwischen sind sie unbestreitbar: In den letzten fünf Jahren ist die amerikanische Produktivität so schnell gewachsen wie seit rund zwanzig Jahren nicht mehr. Ob man nun den Output pro Arbeiter oder pro Stunde betrachtet: Er ist jährlich um lebhafte 2 % gestiegen – nach mageren 1 % in den 2010er-Jahren. Dies veranlasste die Federal Reserve, ihre Prognose für das langfristige BIP-Wachstum der USA von 1,8 % auf 2 % anzuheben. Jerome Powell, der scheidende Vorsitzende der Fed, zeigte sich kürzlich auf einer Pressekonferenz beeindruckt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele Jahre mit wirklich hoher Produktivität erleben würde“, antwortete er auf eine Frage des Economist.
Die KI ist (noch) nicht der Erlöser
Es ist noch zu früh, der Künstlichen Intelligenz die Ehre für diese Auferstehung zu geben. Der Produktivitätsschub begann bereits Anfang der 2020er-Jahre, während große Sprachmodelle (LLMs) erst seit etwa einem Jahr im realen kommerziellen Einsatz sind. Wenn man vergangene technologische Revolutionen als Maßstab nimmt, wird es noch Jahre dauern, bis die KI-Ära in den offiziellen Statistiken auftaucht. Der bisher einzige makroökonomisch spürbare Effekt des KI-Booms liegt bei den Unternehmensinvestitionen, insbesondere im Bereich der Rechenzentren.
Woher kommt das Wachstum dann?
Um die wahren Ursachen zu finden, hilft ein Blick auf die Daten des Bureau of Labour Statistics nach Sektoren. Zwischen 2019 und 2024 lag die “Informationsbranche” (Software, Telekommunikation, Film) zwar mit einer jährlichen Rate von 6 % an der Spitze, doch das ist kein neuer Trend, sondern entspricht dem Durchschnitt der Jahre 2000–2019.
Die eigentliche Überraschung findet sich in den professionellen Dienstleistungen und im Management. Diese Sektoren machen etwa 10 % der US-Wirtschaft aus. Es sind Unternehmen, die keine neue Technologie erfinden, sie aber massiv nutzen. In den letzten Jahren haben Amerikas “Anzugträger” endlich die Innovationen der 2010er-Jahre voll ausgeschöpft: Smartphones, Cloud-Computing und Videokonferenzen sind nun vollständig in die Arbeitsprozesse integriert.
Energie als Wettbewerbsvorteil
Ein weiterer Motor ist der Öl- und Gassektor. Die Schiefergas-Revolution hat die USA vom Netto-Importeur zum Exporteur gemacht. Durch den Bau neuer Flüssiggasanlagen (LNG) kann Amerika Brennstoffe nach Europa und Asien schicken, wo sie höhere Preise erzielen als auf dem heimischen Markt.
Die indirekten Effekte sind noch gewichtiger: Elektrizität ist ein Inputfaktor für fast alles – und Amerikaner zahlen dafür im Durchschnitt nur halb so viel wie Europäer und ein Drittel weniger als Japaner. Wenn Energie billig und im Überfluss vorhanden ist, können Fabriken und Maschinen auf Hochtouren laufen, ohne dass man sich ständig um die Energiekosten sorgen muss. Das erklärt, warum energieintensive Branchen wie Bergbau und Chemie in den USA florieren, während sie in Europa ums Überleben kämpfen.
Flexibilität in der Krise
Der wohl fundamentalste Faktor ist die ungewöhnliche Flexibilität der US-Wirtschaft. Der Beginn des aktuellen Booms fiel mit der Covid-19-Pandemie zusammen. Im Gegensatz zu Europa entschieden sich die USA für Direkthilfen in bar, anstatt komplexe Kurzarbeiter-Modelle einzuführen, die Arbeiter an ihre alten Jobs fesselten. Als die Lockdowns endeten, fanden die Menschen schneller neue Jobs in effizienteren Unternehmen, da diese am schnellsten wieder einstellten.
Selbst die jüngsten politischen Schocks konnten das Wachstum bisher nicht bremsen. Von Anfang 2025 bis März 2026 blieb das Produktivitätswachstum mit Raten zwischen 1,2 % und 2,1 % solide – trotz Donald Trumps Zöllen, Massenausweisungen und Angriffen auf Institutionen wie die Fed. Es ist wahrscheinlich, dass die Wirtschaft auch die strategischen Konflikte der aktuellen Regierung übersteht.
Das Fazit: Das Produktivitätswunder wird sich vermutlich fortsetzen. Und wenn die KI-Ära erst einmal richtig in den Statistiken ankommt, könnte aus dem Wunder ein echtes Zeitalter des Überflusses werden.
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