Über Jahrzehnte galt Europas Automobilindustrie als Maßstab für technische Exzellenz. Deutsche Ingenieurskunst, französische Innovation, italienisches Design und schwedische Sicherheit setzten weltweit Standards. Heute befinden sich viele europäische Hersteller jedoch in einer ungewohnten Rolle: Sie suchen die Zusammenarbeit mit chinesischen Wettbewerbern – für Technologie, Produktionskapazitäten und sogar die Entwicklung neuer Fahrzeuge.

Die Ironie könnte größer kaum sein. Noch vor zwanzig Jahren brachten europäische Hersteller China das Autobauen bei. Heute blickt Europa zunehmend nach Osten, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Eine historische Rollenwende

Die Probleme der europäischen Automobilindustrie haben sich über Jahre aufgebaut.

Hohe Arbeitskosten, steigende Energiepreise, immer strengere Regulierung, eine schwache Nachfrage sowie der schwierige Übergang zur Elektromobilität setzen die Hersteller zunehmend unter Druck. Gleichzeitig haben chinesische Unternehmen enorme Fortschritte bei Batterietechnologie, Fahrzeugsoftware und kostengünstiger Produktion erzielt.

Anstatt ausschließlich gegeneinander zu konkurrieren, prüfen mehrere europäische Hersteller inzwischen Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen.

So erwägt Stellantis, chinesischen Herstellern die Nutzung wenig ausgelasteter Werke in Europa zu ermöglichen. Auch Volkswagen hat eingeräumt, dass gemeinsame Produktionsstätten mit chinesischen Partnern eine sinnvolle Möglichkeit sein könnten, Überkapazitäten abzubauen.

Es geht um weit mehr als leere Fabriken

Auf den ersten Blick erscheinen solche Kooperationen vernünftig.

Nicht ausgelastete Werke könnten weiter produzieren, Arbeitsplätze blieben erhalten, chinesische Hersteller erhielten Zugang zum europäischen Markt, und die europäischen Konzerne könnten Einnahmen mit Fabriken erzielen, die ansonsten nur teilweise ausgelastet wären.

Doch Kritiker warnen davor, dass weit mehr auf dem Spiel steht.

Philippe Gilleron, langjähriger Peugeot-Manager und Vorsitzender eines europaweiten Stellantis-Gewerkschaftsgremiums, formuliert seine Sorge unmissverständlich:

Wenn das technologische Know-how einmal verloren gegangen ist, wird es nahezu unmöglich, es später wieder aufzubauen“, sagt Philippe Gilleron. „Es ist, als würde jemand ständig für Sie kochen. Irgendwann wissen Sie selbst nicht mehr, wie man kocht.“

Seine Warnung richtet sich nicht gegen internationale Zusammenarbeit an sich. Vielmehr geht es um den Verlust industrieller Fähigkeiten.

Der schleichende Verlust von Know-how

Industrie besteht nicht nur aus Fabrikhallen.

Sie lebt von Ingenieuren, Entwicklungsabteilungen, Zuliefernetzwerken, Produktionswissen und jahrzehntelang aufgebauter Erfahrung. Geht dieses Know-how verloren, lässt es sich kaum zurückholen.

Die Wirtschaftsgeschichte kennt zahlreiche Beispiele. Branchen, die ihre Produktion ins Ausland verlagerten, verloren oft auch ihre technologische Führungsrolle. Mit den Fabriken wanderten Ingenieure, Spezialisten und Innovationen ab.

Heute beschäftigt die europäische Automobilindustrie direkt und indirekt rund 14 Millionen Menschen. Sollten künftig chinesische Plattformen, Batterien und Software die Grundlage europäischer Fahrzeuge bilden, könnte Europa vom Technologieanbieter zunehmend zum Auftragsfertiger werden.

Europa hat seine Probleme selbst mitverursacht

Die aktuelle Situation entstand nicht über Nacht.

Viele europäische Hersteller unterschätzten sowohl die Geschwindigkeit der chinesischen Entwicklung als auch die Dynamik der Elektromobilität.

Während man in Europa lange an Verbrennungsmotoren festhielt und bestehende Modelle weiterentwickelte, investierten chinesische Unternehmen massiv in Batterietechnologie, Software, vertikale Integration und kosteneffiziente Fertigung.

Unternehmen wie BYD, Geely oder XPeng gelten heute längst nicht mehr als Billiganbieter. In vielen Bereichen setzen sie inzwischen selbst die technologischen Maßstäbe.

Europäische Hersteller versuchen nun aufzuholen.

Notwendige Partnerschaft oder gefährliche Abhängigkeit?

Nicht jeder bewertet diese Entwicklung negativ.

Befürworter argumentieren, dass Kooperationen Arbeitsplätze sichern, Fabriken auslasten und den europäischen Herstellern Zeit verschaffen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen.

Ohne externe Partner müssten manche Werke möglicherweise ganz schließen.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: Bleibt diese Zusammenarbeit vorübergehend – oder entsteht daraus eine dauerhafte technologische Abhängigkeit?

Wenn Batterien, Softwareplattformen und Fahrzeugarchitekturen künftig überwiegend aus China stammen, verliert Europa schrittweise die Kontrolle über seine wichtigste Industrie.

Mehr als nur ein Problem der Autoindustrie

Die Automobilindustrie bildet seit Jahrzehnten das Rückgrat der europäischen Wirtschaft.

Sie schafft Millionen qualifizierter Arbeitsplätze, trägt erheblich zu Exporten bei und sichert den Wohlstand zahlreicher Regionen.

Sollte die technologische Führungsrolle dauerhaft nach China wandern, hätte dies Folgen weit über die Automobilbranche hinaus. Es würde Europas industrielle Basis grundlegend verändern.

Die Warnung von Philippe Gilleron bringt dieses Risiko auf den Punkt:

„Wenn das technologische Know-how einmal verloren gegangen ist, wird es nahezu unmöglich, es später wieder aufzubauen. Es ist, als würde jemand ständig für Sie kochen. Irgendwann wissen Sie selbst nicht mehr, wie man kocht.“

Genau vor dieser Herausforderung steht Europas Automobilindustrie heute. Die Frage ist nicht mehr, ob Kooperationen mit China sinnvoll sind. Entscheidend ist, ob Europa dabei seine technologische Eigenständigkeit bewahren kann – oder ob der Kontinent langfristig die Fähigkeit verliert, die Mobilität der Zukunft selbst zu gestalten.

 

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