
Ein neuer Bericht von Sander Tordoir und Brad Setser (Centre for European Reform / Council on Foreign Relations, Mai 2026) warnt, dass Deutschland – und damit weite Teile der europäischen Industrie – von einer zweiten Welle der Störung durch Chinas Exportmaschinerie betroffen ist.
Das Ausmaß des Problems
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer historisch ungewöhnlichen Flaute: Die Industrieproduktion sinkt seit sechs Jahren, der private Konsum hat sich nie vollständig von der Pandemie erholt und das BIP liegt etwa 6 Prozent unter dem Vorkrisentrend. Der Hauptverursacher ist der massive Verlust von Exportnachfrage, insbesondere gegenüber und aus China.
- Die chinesischen Exportvolumina sind stark gestiegen (bereits im vierten Quartal 2025 wurden die Jahresziele für den Autoexport erreicht).
- Deutsche Hersteller in Kernbranchen – Autos, Maschinenbau, Chemie, Flugzeugbau und saubere Technologien – werden gleichzeitig in China, auf Drittmärkten und zunehmend im Inland verdrängt.
- Der kumulierte Rückgang der Nettoexporte beträgt seit Ende 2023 etwa 3 Prozent des deutschen BIP – mit weiterem Schmerz in Aussicht.
Chinas Produktionsüberschuss hat erneut stark zugenommen und liegt bei fast einem weiteren Prozentpunkt des Welt-BIP. Das entspricht in der Größenordnung dem ursprünglichen „China-Schock“ nach dem WTO-Beitritt 2001, trifft diesmal jedoch hochpreisige, technologisch anspruchsvolle Sektoren, in denen Deutschland traditionell stark ist.
Warum das geschieht
Der Bericht nennt drei anhaltende Treiber in China:
- Sehr hohe Sparquote und schwacher privater Konsum – Immobilienkrise und schwache soziale Absicherung dämpfen die Binnennachfrage.
- Massive Industriepolitik und Subventionen – Geschätzt auf 4,4 Prozent des BIP (rund 800 Milliarden US-Dollar pro Jahr), die chronische Überkapazitäten schaffen, die exportiert werden müssen.
- Unterbewerteter Renminbi – China interveniert aktiv, um eine Aufwertung zu verhindern und die Exportwettbewerbsfähigkeit zu steigern. Die echte Unterbewertung könnte bei bis zu 30 Prozent liegen, wenn man fragwürdige Datenerfassungen berücksichtigt.
Ergebnis: China nimmt weltweite Nachfrage auf, ohne im Gegenzug viel durch Importe zurückzugeben. Deutsche Exporte nach China sind eingebrochen, chinesische Unternehmen drängen aggressiv auf den europäischen und andere Märkte.
Die Solar-Warnung
Der Bericht verweist wiederholt auf den Verlust der deutschen Solar-PV-Branche als warnendes Beispiel. Einst führend bei der Ausrüstung, sieht sich Deutschland nun mit chinesischer Dominanz über die gesamte Wertschöpfungskette konfrontiert. Ähnliche Dynamiken sind inzwischen bei Autos (China ist bereits der größte Autoexporteur der Welt mit riesigen Überkapazitäten), Maschinenbau und sauberer Technik zu beobachten.
Was geschehen muss
Die Autoren argumentieren, dass Deutschland sich keine Selbstzufriedenheit mehr leisten kann. Empfohlene Maßnahmen sind:
- Stärkere und schnellere Handelsverteidigung – Weg von langsamen, produktbezogenen Antidumping-Verfahren hin zu breiteren sektoralen Schutzinstrumenten und einem möglichen „europäischen 301“-Instrument (nach US-Vorbild) zur Bekämpfung systemischer Verzerrungen.
- Buy-European-Industriepolitik – Verschärfung von Local-Content-Regeln bei Subventionen und öffentlicher Beschaffung (z. B. im geplanten Industrial Accelerator Act), damit europäische Nachfrage auch europäische Produktion stützt.
- Reziprozität mit Verbündeten – Nutzung von Industriepolitik-Anreizen als Hebel gegenüber Partnern wie den USA, Großbritannien, Japan und Südkorea.
- Vorbereitung auf Vergeltung – Aufbau von Kompensationsmechanismen aus Zolleinnahmen und Abbau kritischer Abhängigkeiten (insbesondere Seltene Erden, Mineralien und Schlüsselkomponenten).
- Druck auf China zur Neuausrichtung – Unterstützung internationaler Bemühungen um eine Aufwertung des Renminbi und stärkere Binnennachfrage in China.
Fazit für international expandierende Unternehmen
Dieser „China Shock 2.0“ ist nicht nur ein deutsches Problem – er verändert den globalen Wettbewerb in der fortgeschrittenen Industrie. Unternehmen mit Exposure zu europäischen Lieferketten, Automotive, Maschinenbau oder sauberer Technik sollten ihre Strategien überprüfen:
- Produktionsstandorte diversifizieren und die Abhängigkeit von China-zentrierten Lieferketten verringern.
- Steigende Handelsbarrieren, Lokalisierungsdruck und mögliche Lieferstörungen einplanen.
- Die Entwicklung der europäischen Politik in Richtung „strategischer Autonomie“ und Friend-Shoring beobachten.
Der Bericht ist eine deutliche Mahnung: Wer auf eine selbstständige Korrektur der Marktkräfte wartet, riskiert den dauerhaften Verlust industrieller Fähigkeiten. Für international tätige Unternehmen wird die proaktive Anpassung an diese neue Ära geoeconomischer Konkurrenz entscheidend sein.
Sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die globale Handelstrends, Industrie und die China-Europa-Dynamik verfolgen. Der vollständige Bericht ist über das Centre for European Reform erhältlich.
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